Wie abhängig ist Saudi-Arabien vom US-Goodwill?

Zuletzt ist der Preis für Brent-Rohöl bis auf 58 US-Dollar je Barrel zurückgegangen. Der Hauptgrund für diesen erneuten Preisrutsch waren Spekulationen, dass Saudi-Arabien die Förderung ausweiten würde – im Gegenzug für die jüngste öffentliche US-Rückendeckung Riads im Zusammenhang mit der „Khashoggi-Affäre“.

Khalid Al Falih hatte erklärt, dass der Wüstenstaat seine Förderung im November – auf expliziten Nachfragewunsch seiner Kunden – von 10,6 mbd im Oktober auf „über 10,7 mbd“ angehoben habe. Jenseits dieser offiziellen Verlautbarung gehen am Markt aber auch anonyme Stimmen um, die von einer Förderanhebung auf über 11 mbd berichten. Im Kontext der aktuellen „Angebotsüberschuss-Debatte“ und der Markterwartung hinsichtlich einer unmittelbar bevorstehenden OPEC+-Förderkürzung wäre eine solche Produktionshöhe Saudi-Arabiens natürlich äußerst kontraproduktiv für den Preis.
Da sich US-Präsident Donald Trump erst kürzlich bei Saudi-Arabien zunächst öffentlichkeitswirksam per Twitter für die sinkenden Rohölpreise bedankt hatte und später noch überraschend deutlich erklärte, dass die USA trotz der Fragen aufwerfenden Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi ein „unverbrüchlicher Partner“ Saudi-Arabiens bleiben werden, keimten Spekulationen darüber auf, dass Washington bei der saudischen Produktionsdimensionierung nun zumindest vorerst ein gewichtiges Wort mitzusprechen habe.

Im volatilen außenpolitischen Umfeld mit beständig wechselnden Kooperationen und Abhängigkeiten ist es uns unmöglich, die kursierenden „Saudi-Gerüchte“ mit Sicherheit ins Reich der Fabel zu verweisen. Genauso wenig erscheint es uns aber sinnvoll, ein Szenario einzupreisen, in dem die saudischen Produktionsentscheidungen von nun an nur noch nach zustimmendem Kopfnicken aus Washington getroffen werden.
Unseres Erachtens dürfte der durch die „Khashoggi-Affäre“ außenpolitisch beschädigte und daher auch innenpolitisch angreifbare saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman Washingtons Rohölpreis-Interessen in seiner Zielfunktion zukünftig ein noch etwas größeres Gewicht beimessen. Dies dürfte insbesondere deshalb gelten, weil Saudi-Arabiens Thron-Anwärter zur innenpolitischen Absicherung gegen eine gerade wieder etwas Morgenluft schnuppernde und sich einende Anti-MBS-Bewegung einen engeren Schulterschluss mit den USA anstreben wird. Eine größere „US-Rücksichtnahme“ Saudi-Arabiens bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass der Rohölpreis nun massiv absturzgefährdet wäre.

Aus rein subjektiver Perspektive bevorzugt Saudi-Arabien wegen der exorbitanten Bedeutung der Rohöleinnahmen für das Staatsbudget nach unserer Einschätzung Brent-Rohölpreise von 70 US-Dollar und mehr – gerade mit Blick auf die Ausgabenvorhaben der kommenden zehn bis 15 Jahre („Vision 2030“) und die zwischen August 2014 und August 2018 von 731 auf 500 Mrd. US-Dollar geschrumpften Währungsreserven.
Nach unserer Lesart strebt Donald Trump aus zwei Gründen so niedrig wie mögliche Rohölpreise an: Erstens will er die amerikanische Zentralbank (Fed) von einem aus seiner Sicht zu aggressiven, die US-Wirtschaft schädigenden Zinsnormalisierungspfad abhalten. Zweitens möchte er die Weltkonjunktur – auf Kosten der OPEC bzw. der OPEC+ – entlasten, um mehr strategischen Manövrierraum für seinen Handelskonflikt mit China zu haben. Bei dieser „So-niedrig-wie-möglich-Strategie“ darf er aber die Interessen der heimischen Rohöl-Wirtschaft nicht aus den Augen verlieren. Denn ungeachtet der massiven Kostenreduktionen im Niedrigpreis-Zeitintervall von Ende 2014 bis zum dritten Quartal 2017, benötigen die Schieferöl-Unternehmen in den USA zur Aufrechterhaltung ihrer aktuellen Produktionsdynamik WTI-Rohölpreise von mindestens 55 bis 65 US-Dollar. Diese korrespondieren im gegenwärtigen „Brent-WTI-Spread-Umfeld“ von etwa 10 US-Dollar mit Brent-Rohölpreisen von 65 bis 75 US-Dollar. Die Kombination eines makroökonomisch gebotenen „so niedrig wie möglich“ mit einem mikroökonomisch notwendigen „so hoch wie nötig“ lässt unseres Erachtens darauf schließen, dass die USA auf mittlere Frist mit einem Brent-Rohölpreis von 65 bis (maximal) 75 US-Dollar leben können.


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