Berichtssaison in Europa: Jubelsturm mit Störungen

Die Berichtssaison in den USA ist in vollem Gange, und nun werden auch europäische Unternehmen bis Mitte Mai ihre Ergebnisse für das erste Quartal vorlegen.

Die im Vergleich zu China und den USA schwächere wirtschaftliche Entwicklung Europas wird sich in den Zahlen niederschlagen: Für den Stoxx 600 wird erwartet, dass die Unternehmensumsätze im Vergleich zum Vorjahresquartal nur um drei Prozent gestiegen sind. Das wäre eine schwächere Erholung als bei den Unternehmen im S&P 500, für die wir ein Umsatzplus von neun Prozent erwarten.

Wir erwarten, dass die Stoxx 600-Unternehmen im ersten Quartal 79 Mrd. Euro Gewinn nach Steuern ausweisen werden, gegenüber 49 Mrd. Euro im ersten Quartal 2020. Die Nettogewinne der Stoxx 600-Unternehmen (+61%) werden damit schneller wachsen als die ihrer S&P 500-Pendants (+33%).

Das dynamischere Gewinnwachstum ist auf die niedrigere Basis im Vergleichsquartal 2020 zurückzuführen. Im Stoxx 600 sind viele konjunktursensible Unternehmen gelistet und es fehlen Technologiewerte, die in Indizes wie dem S&P 500 oder dem Nasdaq 100 Garanten für stetig steigende Unternehmensgewinne waren. Deshalb sind die Gewinne der Stoxx-600-Unternehmen im Krisenjahr 2020 stärker eingebrochen, können sich nun aber auch wieder stärker erholen.

Mit Blick auf die verbleibenden Quartale des Jahres 2021 prognostizieren die Analysten ein zweistelliges Gewinnwachstum, wobei das Gewinnwachstum im zweiten Quartal 2021 mit 86% seinen Höhepunkt erreicht.

Allerdings haben die Prognoseunsicherheiten zugenommen. So berichten Unternehmen in der US-Berichtssaison vermehrt von steigenden Rohstoffpreisen, steigenden Transportkosten und höheren Löhnen in ausgewählten Ländern. Auch die erwartete Verknappung von Halbleitern bis in das Jahr 2022 hinein führt teilweise zu Engpässen in der Produktion. Konsumgüterhersteller wie Procter & Gamble berichteten zudem, dass die aktuelle Verschlechterung der Gesundheitssituation in Indien, Brasilien und der Türkei zu Umsatzeinbußen führt. Wir erwarten, dass sich europäische Konzerne ähnlich äußern werden

Ob das erwartete Gewinnwachstum von 40% im Stoxx 600 und 30 % im Euro Stoxx 50 für 2021 tatsächlich genau erreicht werden kann, bleibt abzuwarten. Wir gehen aber weiterhin davon aus, dass die Unternehmensgewinne in dieser Größenordnung steigen werden. Der erwartete Wirtschaftsboom dank der absehbaren globalen Wiedereröffnung der Wirtschaft sollte die kurzfristigen Risiken überschatten.

Die europäischen Aktienindizes sind historisch teuer. Die Bewertung auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnis (12 Monate voraus) liegt im Euro Stoxx 50 30 % über dem historischen Durchschnitt. In Anbetracht des vorherrschenden hohen Optimismus an den Börsen wäre es in normalen Jahren an der Zeit, von einer baldigen Kurskonsolidierung der Aktienindizes auszugehen. Weil das Erreichen neuer Kurshochs jüngst mit dem Erreichen neuer Gewinnhochs Hand in Hand ging, sollte diese jedoch gering ausfallen.

— Christian Kahler

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