Türkische Lira und ihre Zentralbankchefs – eine Bilanz

Unzufrieden mit der seiner Meinung nach zu restriktiven Geldpolitik der Zentralbank hat Präsident Erdogan am 20. März unerwartet Notenbankchef Agbal entlassen. Der Auftrag an den neuen Notenbankchef Kavcioglu ist klar. Er soll den Leitzins ungeachtet des weiterhin sehr hohen Preisdrucks in der Türkei senken, und das möglichst schnell und umfangreich.

Es wäre nicht das erste Mal, dass in der Türkei eine offensichtlich zu expansive Geldpolitik betrieben wird, um den Staatschef nicht zu verärgern. Für die vergangenen Jahre lassen sich zwei Phasen identifizieren, in denen sich der reale Leitzins über einen längeren Zeitraum hinweg im negativen Bereich befand. Ende vom Lied waren ein ausufernder Preisdruck, eine Zentralbank ohne jegliche Glaubwürdigkeit und zwei Währungskrisen. Entschärft werden konnten die gravierenden Turbulenzen in beiden Fällen nur durch einen radikalen Kurswechsel in der Geldpolitik.

Eine steile Lernkurve lässt sich den Entscheidungsträgern in diesem Zusammenhang nicht attestieren. So führten die nachlassenden Spannungen im Spätsommer 2018 und zum Jahresende 2020 nach und nach dazu, dass Forderungen nach einer „frühzeitigen“ Lockerung der geldpolitischen Zügel aufkeimten. Als sich die Notenbankchefs Cetinkaya und Agbal weigerten, auf Wunsch Erdogans von ihrem angemessen restriktiven Kurs abzuweichen, wurden sie durch Murat Uysal und schließlich den jetzigen Amtsinhaber Kavcioglu ersetzt.

Die Lira und ihre Zentralbankchefs – eine On-Off-Beziehung

Wie groß die Auswirkungen der phasenweise viel zu lockeren Geldpolitik auf die Landeswährung sein können, zeigt der Blick auf die TRY-Kursentwicklung. So verlor die Lira in den Zeiträumen mit einem über mehrere Quartale hinweg klar negativen realen Leitzins erheblich an Wert. Von Mitte 2016 bis zum glaubwürdigen Kurswechsels Cetinkayas rund zwei Jahre später gab die Lira gegenüber dem US-Dollar 60% nach. In den knapp eineinhalb Jahren unter der Ägide Uysals betrug das Minus immerhin etwa 35%.

Einen guten Start hatte die aus Sicht der Landeswährung erzwungene Partnerschaft mit dem neuen Zentralbankchef Kavcioglu nicht gerade. Die Kursverluste der Lira gegenüber dem US-Dollar seit der Entlassung Agbals liegen aktuell bei 13%. Sollte sich die Geldpolitik künftig einmal mehr an den Vorgaben Erdogans orientieren, dürfte diese Lira-Abwertung nur der Anfang einer erneuten Schwächeperiode der Landeswährung gewesen sein. Das legen zumindest die Erfahrungen seit 2016 nahe.

–Sören Hettler

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 4.50

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *