Britische Wirtschaft Ende 2020 stabil, aber deutliche Belastungen im laufenden Quartal

Trotz umfassender Infektionsschutzmaßnahmen im November ist die britische Wirtschaft überraschend glimpflich durch die zweite Welle der Corona-Pandemie gekommen. Die Lockerungen, die auf den November-Lockdown folgten, haben für kräftige Nachholeffekte im Gastgewerbe und in der Unterhaltungsindustrie geführt, wodurch die Wirtschaftsleistung im Dezember wieder um 1,2 Prozent zulegen konnte. Auch für das gesamte Schlussquartal steht ein Anstieg von einem Prozent gegenüber dem Vorquartal zu Buche – das ist mehr als in Deutschland oder Spanien, wo ein BIP-Rückgang zum Jahresschluss ebenfalls vermieden werden konnte.

Dass die Öffnungen kurz vor Weihnachten teuer erkauft wurden, ist bekannt. Durch die Ausbreitung der hochansteckenden, sog. „britischen“ Mutation des SARS-CoV-2-Virus sind die Infektionszahlen im Vereinigten Königreich schon im Dezember dramatisch nach oben geschnellt. Erst mit dem erneuten und noch weitaus strikteren Lockdown seit Anfang Januar konnte das Infektionsgeschehen dieser dritten Welle allmählich unter Kontrolle gebracht werden. Aber die Infektionszahlen sind immer noch hoch und die Beschränkungen werden wohl bis in den März hinein in Kraft bleiben, also fast das gesamte Quartal über. Sie werden Handel, Gastronomie und Unterhaltungssektor erneut schwer belasten.

Mit dem Brexit zum Jahreswechsel ist Großbritannien zudem mit einer weiteren Bürde in dieses neue Jahr gestartet. Welche Folgen der Binnenmarktaustritt für den bürokratischen Aufwand hat, bekommen die britischen Exporteure jetzt zu spüren. Lange LKW-Staus am Ärmelkanal sind bisher zwar ausgeblieben, vor allem aber wohl deshalb, weil viele Spediteure die Fahrt wegen unvollständiger Grenzpapiere gar nicht erst antreten. Auch das drosselt die Exporte. Außerdem haben britische Unternehmen zum Jahresschluss noch vorsorglich die Vorratslager deutlich aufgestockt. Das hat das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal zwar noch gestützt, der anschließende Lagerabbau geht dagegen mit Wachstumseinbußen einher.

Das überraschend gute Bild vom Jahresende 2020 relativiert sich also. Für das laufende erste Quartal 2021 ist erneut mit einem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung zu rechnen. Zudem werden die Hürden im Handel mit der EU den Aufschwung auch noch im weiteren Jahresverlauf bremsen. Dagegen ist der schnelle Impffortschritt im Königreich sicherlich ein Lichtblick, die zeitliche Streckung von Erst- und Zweitimpfung jedoch ein schwer kalkulierbares Risiko. Wir bleiben daher vorsichtig mit unserem Prognosebild für Großbritannien. Nachdem das Land schon 2020 zu den Wachstumsschlusslichtern in Europa zählte, dürfte es auch im laufenden Jahr nur schwer an die Wachstumsraten der meisten EWU-Länder heranreichen.

— Monika Boven

Britischer Wirtschaft gelingt ein Plus zum Jahresschluss, aber die dritte Corona-Welle trübt den Ausblick

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