Euro-Raum: Inflation macht einen außergewöhnlich hohen Sprung

Der Anstieg der Teuerungsrate im Euro-Raum ist im Januar ungewöhnlich deutlich ausgefallen. Die jährliche Inflationsrate (HVPI) kletterte binnen nur eines Monats um starke 1,2 Prozentpunkte auf 0,9 Prozent – ein solch hoher Anstieg wurde seit Beginn der Eurostat-Inflationsstatistik noch nicht gemessen. Noch im Dezember 2020 lag die Inflationsrate mit ‑0,3 Prozent zum fünften Mal in Folge im negativen Bereich. Dass sich der Inflations-Sprung allerdings als „steiler“ Trend fortsetzen könnte ist eher unwahrscheinlich. Denn die aktuelle Messung des HVPI war im Januar gleich von einer Reihe von Sonderfaktoren beeinflusst. Einige davon werden noch das gesamte Jahr erhöhend auf die Inflation wirken, andere dürften nur kurzfristig für einen Preisschub gesorgt haben.

Als erster Faktor fallen die üblicherweise stark schwankenden Preiskomponenten ins Auge. Das sind zum einen die Energiepreise, die, überwiegend durch den jüngsten Anstieg des Ölpreises bedingt, deutlich weniger mäßigend auf die Gesamtinflationsrate einwirken. Hier lag der Rückgang gegenüber dem Vorjahr zuletzt nur noch bei -4,1 Prozent; nach -6,9 Prozent im Dezember 2020. Zum anderen bewegen sich auch die Nahrungs- und Genussmittelpreise wieder auf einem etwas höheren Niveau. Die jährliche Rate legte im Januar auf +1,5 Prozent zu (Dezember 2020: +1,3%).

Der zweite Faktor betrifft mehrere Sondereffekte. So stiegen die Preise für Industriegüter mit 1,4 Prozent ungewöhnlich kräftig gegenüber dem Vorjahresmonat (Dezember 2020: -0,5%). Entscheidend dazu beigetragen haben dürfte vor allem auch der fehlende Winterschlussverkauf, der in vielen Euroländern im Januar beginnt. Da jedoch in Folge der Lockdowns der Einzelhandel vielfach nicht oder nur begrenzt öffnen durfte, entfielen die üblichen Rabattschlachten, die sonst dazu dienen, vor allem die Läger im stationären Handel zu räumen. Die Folge jetzt sind merklich höhere Preise gegenüber dem Vorjahresmonat, in dem der Schlussverkauf noch regulär stattgefunden hat.

Aber auch länderspezifische Sondereffekte spielten im Januar bei der Preisentwicklung eine wichtige Rolle – allen voran im größten Euroland Deutschland. So lief zu Jahresbeginn die Mehrwertsteuersenkung aus, die im Zuge der Corona-Pandemie temporär eingeführt wurde. Hinzu kommt seit dem 1. Januar eine neue CO2-Abgabe, die vor allem das Heizen und das Autofahren in Deutschland teurer gemacht hat.

Als dritter Faktor tritt ein sonst eher unüblicher Kandidat in Erscheinung. Jahr für Jahr wird die Zusammensetzung des Warenkorbs der Verbraucherpreise an die Konsumgewohnheiten neu angepasst. Gewöhnlich fallen diese Unterschiede eher gering aus. Doch im Corona-Jahr 2020 haben sich die Verbraucherausgaben vor allem von den tourismusnahen Dienstleistungen und Freizeitaktivitäten zu den Nahrungs- & Genussmitteln und nicht-energetischen Industriegütern (also z.B. Möbel oder Elektroartikel) verschoben. Gerade die letztgenannten Preiskomponenten waren jedoch jene, die im Januar deutlicher zugelegt haben. Durch ihre höhere Gewichtung im Warenkorb wurde dadurch nun auch die allgemeine Inflationsrate im Januar höher getrieben. Bei den tourismusnahen Dienstleistungen hingegen sollte in 2021 die niedrigere Gewichtung in Monaten, in denen diese Preise normalerweise markant ansteigen, zu einem geringeren HVPI-Anstieg führen.

Matthias Schupeta

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