David gegen Goliath 1:0 – Was wirklich hinter der „GameStop“-Spekulation steckt

In einer der größten Hedgefonds-Rettungsaktionen seit dem Fall von Long-Term Capital Management („LTCM“, 1998) wurde in dieser Woche die Firma „Melvin Capital“ vor dem Ruin gerettet. Die Firma hatte zuvor auf stark fallende Kurse verschiedener Aktien wie Gamestop (Verkauf von Videospielen) oder AMC Entertainment (Kinos) spekuliert. Beide Unternehmen hatten zuletzt stark unter der Corona-Krise und dem strukturellen Trend zu Online-Medien gelitten, so dass die Wetten auf fallende Kurse lukrativ erschienen. Doch der organisierte Widerstand zahlreicher „Kleinanleger“, organisiert über die Internetplattform Reddit, machte die Strategie des Hedgefonds innerhalb weniger Tage zunichte. Die Investoren sprachen sich untereinander ab und trieben mit jeweils kleinen Käufen die Kurse besagter Aktien in die Höhe.  Da aus verschiedenen Gründen mehr Gamestop-Aktien leerverkauft wurden, als tatsächlich vorhanden waren, kam es zum sogenannten „Short Squeeze“, und Melvin Capital musste offene Positionen zu dramatisch höheren Preisen eindecken. Angesichts der parabolischen Kursentwicklung fühlten sich Marktbeobachter hierzulande an die Kursexplosion der VW-Aktie im Jahr 2008 erinnert. In der Folge erlitt der Fonds hohe Verluste, die durch eine Finanzspritze von 2,75 Mrd. US-Dollar von anderen Hedgefonds (Citadel, Point72) ausgeglichen werden mussten.

Die sich verbreitenden Kursspekulationen um Aktien wie GameStop, AMC Entertainment, Nokia oder hierzulande Varta beruhen auf einem koordinierten Vorgehen von Privatanlegern gegen Hedgefondsmanager und Analystenboutiquen, die auf fallende Kurse setzen. Die Wut der Kleinanleger, die hauptsächlich in den USA sitzen, sitzt tief. Viele der Anleger sind Kunden des Online-Brokers „Robin Hood“, der wiederum dafür bekannt geworden ist, dass er regelmäßig die Orders seiner Kunden als Liquiditätsfluss an die bereits erwähnten Hedgefonds-Firmen weiterverkauft. Hinzu kommt, dass zwar die Finanzindustrie im Allgemeinen (übrigens auch die Analysten) durch die Regulierung immer mehr in die Schranken gewiesen wurde, teils durchaus fragwürdige „Leerverkäufer“ oder Hedgefonds-Manager, die auf fallende Kurse wetten, aber weiterhin ihre Schreckensszenarien in den Medien verbreiten dürfen. Hinzu kommt, dass in den USA, anders als bei den großen Hedgefonds, „normale“ Kunden nur selten Zugang zur Zuteilung von lukrativen Neuemissionen haben.

„Pump and dump“ oder „Scalping“ von kleineren Aktientiteln auf Message-Boards oder Social-Media-Kanälen ist so alt wie das Internet selbst. Und vor dem Internet waren es Börsenhotlines und telefonische Kaltakquise. Diesmal sind die Dinge jedoch anders. Bislang waren es meist Einzeltäter (wie im Film „Wolf of Wall Street“ hervorragend dargestellt), die das Geschehen manipulierten. Diesmal aber will die „Crowd“ gemeinsame Sache gegen die großen Wall-Street-Adressen machen. Damit kommt wieder ein Begriff ins Spiel, den viele Marktteilnehmer bereits aus der Bitcoin-Welt kennen: Das Stichwort lautet „DeFi“, die Abkürzung für „Dezentrale Finanzmärkte“. Kern dieser Theorie ist die Annahme, dass etablierte (zentralisierte) Preisbildungsprozesse wie bei IPOs oder an den Börsen auf Dauer hinter neuen, dezentralen Plattformen zurückstehen müssen. In der Welt der Kryptowährungen ist diese Entwicklung schon seit längerem zu beobachten. Wird sie auch an den Aktienmärkten stattfinden? Bislang ist dies nicht absehbar. Vieles hängt aber davon ab, wie die US-Broker, Börsen und Aufsichtsbehörden auf die Entwicklungen dieser Woche reagieren werden.

Die nächsten Tage könnten an den Märkten unruhig bleiben, denn die aktuellen Spekulationen sorgten bereits gestern für die höchsten Umsätze in Aktien an den US-Börsen seit 2008. Bis die aktuellen Turbulenzen abklingen, dürfte die Volatilität zumindest bei den Small- und Mid-Cap-Werten erhöht bleiben. Die großen Aktientitel auf beiden Seiten des Atlantiks sollten jedoch nicht in den Sog der Volatilität bei den kleineren Werten gezogen werden. Erneut zeigt sich, dass sich die meisten Anleger besser damit bedient sind, sich fernzuhalten vom Handel in marktengen Aktien, Optionen oder gar Spekulationen auf Kredit. Für Anleger, die auf langfristig steigende Kurse setzen, besteht kein Handlungsbedarf. Diese sollten stoisch ihre Strategien weiterverfolgen.

— Christian Kahler

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